Digital-Gipfel der Bundesregierung am 3./4. Dezember

Keyvisual zum Digital-Gipfel 2018 (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)

…. im schönen Nürnberg. Potzblitz, das wäre es bestimmt wert, die weite Anfahrt auf mich zu nehmen und vor Ort sein. ☺ Das waren meine ersten Gedanken. Mist, eine Teilnahme gab es nur auf Einladung, aber man konnte sich dafür bewerben. Gesagt getan und so war ich dann schlussendlich bei den Glücklichen, die im Vorfeld eine Akkreditierung zugesandt bekommen haben. An der Stelle ein kurzer subjektiver Erlebnisbericht vom Tag zwei.

Intro

Der Digital-Gipfel und sein unterjähriger Prozess sind Plattform für die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bei der Gestaltung des digitalen Wandels. Der diesjährige Digital-Gipfel setzte einen besonderen thematischen Schwerpunkt beim Thema Künstliche Intelligenz (KI). Das spiegelte das Programm des Digital-Gipfels 2018 (PDF-Datei, 3 MB) wieder. Im Vorfeld dazu hat die Bundesregierung am 15. November ihre Strategie Künstliche Intelligenz beschlossen, mit der Deutschland in den kommenden Jahren zu einem weltweit führenden KI-Standort entwickelt werden soll. 

Das Erleben

„Digitalisierung ist keine Kür, sondern Pflicht. Und es ist eine Gemeinschaftsaufgabe“ so bewertete der Präsident des Digitalverbandes Bitkom Herr Berg die anstehenden Aufgaben in seiner Keynote. Er kritisierte darin aber auch genauso, dass der starke Föderalismus die Digitalisierung bremse und forderte am aktuellen Beispiel des Digitalpakts Schule: „Einigen Sie sich bitte schnell.“

Dem folgte Bundeskanzlerin Frau Merkel mit einer Replik, dass sie ein Vertrauen in die föderalen Strukturen und der Ergebnisfähigkeit der selbigen habe. In der bisweilen selbstironischen v.a. aber sachlich fundierten Rede ging sie im weiteren dann zur KI-Strategie ein und legte ihre Sicht der Dinge dar. Heilsbringend ist demnach eine KI-Strategie, die deutsche Stärken stärkt. Wo ich mich besonders angesprochen gefühlt habe: Sie sagte in ihrer Rede (etwa bei Minute 5:30) interessanterweise „… müssen wir dafür sorgen, dass die großen Front Runner quasi die anderen mitnehmen, das ist eine Aufgabe für Handwerkskammern und Industrie- und Handelskammern“. Aye aye, sir.

Bewertung

Was schon am Tag eins klar wurde: Die deutsche Bundesregierung hat die Dringlichkeit des Themas erkannt und versucht die Forschung mit einhundert neu geschaffenen Professorenstellen voranzubringen. Aber wie sollen diese Professorenstellen im internationalen Wettbewerb besetzt werden? Außerdem sollen bis 2025 drei Milliarden Euro in den KI-Sektor investiert werden. Ein Blick ins Reich der Mitte zeigt jedoch: Genug ist das nicht. So plant allein Shanghai im gleichen Zeitraum einen fünfmal so hohen Betrag für die Förderung von KI-Projekten auszugeben. Bis 2030 soll die gesamt-chinesische KI-Branche weltweit führend sein. Das ist ein ganz anderes Niveau, aber ehrlicherweise sind wir nunmal auch substanziell kleiner. Aber vielleicht könnte unsere nationale (und dennoch im europäischen Verbund zu orchestrierende!) KI-Strategie dennoch ambitionierter sein, vielleicht ist sie zudem etwas zu spät und zu unausgegoren? Denn bereits jetzt haben fünf der sieben wertvollsten KI-Unternehmen ihren Sitz in China. Allerdings will ich China in meinem Kopf dann doch nicht als Vorbild für eine nationale Digitalisierungsstrategie akzeptieren. Klar, die ist effizienter, weil von oben herab diktiert. Darüber hinaus trägt sie auch kulturellerAspekte und ist sicher ein Stück weit historisch bedingt also quasi in den Genen festgelegt. Der gemeine Chinese scheint digital aufgeschlossener zu sein und dem qua definitionem funktionierenden Konglomerat von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft steht damit auch eine unfassbare Datensammlung zur Verfügung. Das ist beides eine hervorragende Ausgangslage für die KI-Kollegen aus dem Reich der Mitte.

Das war der Blick auf die kommenden KI-Supermacht China. Die derzeitige übermächtige Konkurrenz in Sachen KI sind aber immer noch die USA. Dort ist die KI-Forschung und -Anwendung in ein marktwirtschaftliches System eingebettet und hat damit eine andere Ausrichtung. Laut Prof. Wahlster, Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), wird KI hier vorrangig kommerziell in Business to Consumer (B2C)-Märkte eingesetzt (s. dazu auch die KI-Landkarte der Plattform Lernende Systeme). Das Ganze muss sich also erst mal wirtschaftlich lohnen. Nach den in der Presse berichteten Stand zum staatspolitischen Autoritarismus chinesischer Prägung mit dessen KI-Anwendung im Sicherheits- und Überwachungskontext ist es tröstlich, das es ein bislang bewährtes Korrektiv für die Entwicklung von KI gibt.

Als Ergebnis bleibt, dass Europa bei der KI das Sandwich-Kind ist – zusammengepresst in der Mitte der beiden anderen Akteure USA und China. Es gibt heute nicht einen einzigen relevanten europäischen Techkonzern, der im globalen KI-Konzert mitspielt. Im diesem Feld wird aber ein Systemwettbewerb ausgetragen. Bundeswirtschaftsminister Altmaier schlug daher am Rande die Digital-Gipfels die Schaffung eines „Airbus für die KI“ vor, also eines staatenübergreifenden europäischen KI-Konzerns, vor. Kann man machen, muss aber nicht notwendigerweise funktionieren. Schließlich geht es bei KI um (dezentrale!) Innovation und die ist nicht planbar.

Outro

Die Fortführung des Digital Gipfels ist gewiss – der Ort steht jedoch noch nicht fest. Auf den Themenschwerpunkt 2019 bin ich aber bereits jetzt gespannt. Grundsätzlich war die 2018er Ausgabe eine Super-Veranstaltung und hochkarätig besetzt. Ich gestehe: Ich habe mich bei all dem Input v.a. über gemeinsamen (analogen!!) Kaffee/Gespräche vor Ort mit meinen IHK-München Kollegen Franziska Neuberger und Dr. Alexander Machate, mit Ingo DiBella vom Nürnberg Digital Festival, Markus Neubauer von Silbury (sowie seines Zeichens Mitglied im DIHK-Mittelstandsausschuss) und den anwesenden Shiftschool-Kolleginnen Severin Vavvas und Carina Reitlinger sowie -Leiterin Tina Burkhardt gefreut.

Links

Die offizielle Digital-Gipfel-Seite

Die Mediathek der Digital-Gipfel-Seite – dort finden sich Grundlagenpapiere zu den Themen, die auf der Agenda standen

Mehr zur KI-Strategie der Bundesregierung

Die Berichterstattung meiner Shiftschool-Mate Sevi

Servus-KI

Keyvisual zum Servus-KI-Festival (Class3 Shiftschool)

Am 28. September fand unter dem nach meinem Dafürhalten genial verschwurbelten Titel „Servus-KI“ mein Eintritt in das Shiftschool-Universum statt. Denn jede/r Klasse/Jahrgang der „ersten Akademie für digitale Transformation“ hat eine Ausrichtung eines Events unter einem bestimmten Titel zur Aufgabe. Und die Class3 hat das an diesem Tag perfekt gelöst. Chapeau! Unter https://servus-ki.de/ finden sich die Protagonisten sowie das Programm dieser reichhaltigen Konferenz zum Thema Künstliche Intelligenz. Dennoch auch hier kurz die Veranstaltungsfakten: In den Räumen der Design Offices diskutierten 200 Teilnehmer und 16 Speaker in Vorträgen und Workshops einen ganzen Tag über die Möglichkeiten und Herausforderungen der KI. Ich will an der Stelle meinen Weg durch das Festival skizzieren.

Die Keynote hielt Andreas Varesi. Er widmete sich der Frage, ob uns KI ins Paradies oder in einen Alptraum führt. Wird es Massenarbeitslosigkeit durch KI geben und das bisweilen dystopisch gekennzeichnete Bild eintreffen? Seiner Meinung nach, wird der Einsatz der KI, unsere Gesellschaft eher formen, als zerstören. Denn KI kann Routinen, Präzision und sie hält sich an Regeln. Aber genau diese müssen wir weiter selbst aufstellen. Interessante Gedanken! Als Beispiele bringt er Google Duplex, Project Debater, Face Finder, Emotionen an der Gesichtszügen, deep voice…

Dann war ich kurz bei der nächsten Session bei Prof. Dr. Jürgen Wirtgen, Microsoft, zu dessen Vortrag „Künstliche Intelligenz@Microsoft“: Da war die Kernbotschaft, dass der Mensch einfach genial ist und man auf maschineller Ebene noch ein paar light years davon entfernt ist. Da hat Microsoft mit deren Chatbot Tay ja auch schon seine Erfahrungen machen dürfen (s. dazu einen Artikel in der Zeit „Twitter-Nutzer machen Chatbot zur Rassistin“ von 2016). Ich weiß nicht, ob das in dem Vortrag thematisiert wurde, weil ich nämlich schon allein organisatorisch gleich weiter zu….

Jonas Bedford-Strohm gegangen bin. Er arbeitet beim BR und kuratiert dort deren digitales Engagement. Was geht in der Medienbranche hinsichtlich Mensch-Maschine-Kooperation? Bislang experimentieren sie mit Roboterjournalismus beispielsweise mit Fußballberichterstattung. An Börsenmeldungen trauen sie sich aber noch nicht ran. Da ist das Risiko, wenn was falsch berichtet wird, dann doch zu groß (er hat bestimmt „Money Monster“ gesehen). Als Beispiele aus seiner BR-Praxis bringt er Homo Digitalis und die Grünwald-KI. Interessant ist aber die Fragestellung, die er aufwirft: Ein maschinelles Subsystem soll fehlerfrei sein, aber warum eigentlich? Wir sind es ja auch nicht. Als positiven Ausblick hinsichtlich des potenziellen Wegfalls von Arbeitsplätze durch KI (s. dazu den Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB) postuliert er, dass KI Arbeit, aber nicht Aufgaben ersetzt. Und dass das Alleinstellungsmerkmal des Menschen seine Persönlichkeit ist: Daher braucht der Mensch lediglich eine permanente Erneuerung seiner Bildung, um mit der KI mithalten zu können. Das klingt ziemlich versöhnlich gegenüber dem vermeintlichen Job-Killer KI.

Dann war ich im Vortrag von Stephanie Fischer und Dr. Christian Winkler von datanizing, die anhand einer Reise nach New York den Zuhörern das Thema Maschine Learning nahebrachten. Konkret: Wie beauftrage ich eine KI, um anhand von Mustererkundung in (TripAdvisor komplett unstrukturierten) Texten aus Daten Informationen zu machen. Das war grundsätzlich anschaulich, aber es war eher ein Funke als eine Bedienungsanleitung zum eigenen Nachbauen. Fazit: Ich weiß nach dieser Session, was ich alles nicht weiß. Aber das ist ja auch was….

Was mich zur nächsten Session bringt: „Nachvollziehbares Machine Learning“ von Prof. Ute Schmid, Uni Bamberg. „Machine Learning“ ist der Oberbegriff für alle Verfahren, die es Maschinen ermöglichen, Wissen aus Erfahrung zu generieren, also zu lernen. Oder blumiger anhand der (berechneten) Fakten, eigenständig neue Antworten auf Fragen zu finden. Um da tiefer einzusteigen, legt sie aber zunächst die Genese der Künstlichen Intelligenz dar. Der Begriff und mit ihm die akademische Forschungsdisziplin zur KI wurde auf einer Konferenz in Dartmouth 1956 von John MaCarthy erfunden. Der historische Begriff von KI ist demnach viel größer, als das derzeit diskutiert wird, und er hat in den 70 Jahren seines Bestehens zahlreiche Ups and Downs erfahren. Dann ordnet sie die KI in die unterschiedlichen Dimension ein: Schwache KI (Algorithmus-basiert, also Machine Learning, was letztlich sehr ambitionierte Statistik ist), dann starke KI und zuletzt eine generelle KI, die heute noch fraglich ist, ob sie jemals kommt. Denn das erfordert eigene Kreativität und ein „Selbstbewusstsein“ der Maschine. Dazu gibt es „Deep Learning“, was mit künstlichen neuronalen Netzen arbeitetet, um zu besonders effizienten Lernerfolgen zu gelangen. An dem arbeiten „wir“ derzeit stark. Und mit „Natural Language Processing“ (NLP) gibt es ein KI-unterstütztes Forschungsfeld, das mit Hilfe von mathematischen Techniken, die es einem technischen System ermöglicht, autark Wissen aus Erfahrungen zu generieren, ein derzeit ebenfalls populäres Teilgebiet des maschinellen Lernen liefert. Diese Verortung war jedenfalls sehr gut fürs eigene Verständnis: KI ist demnach ein Sammelbegriff, den man verwendet, wenn man nicht zu sehr ins Detail gehen will….

Mein nächster Slot war bei Prof. Dr. Christian Heinrich, der digitale Transformation an der Quadriga Hochschule Berlin lehrt. Heute war er aber als Unternehmensvertreter von Scoutbee an Bord. Er stellte seine KI-unterstützte Supplier-Software Discovery vor. Ein sehr überzeugender Ansatz: Eine Maschine kann die nötigen Recherche-Anfordungen für ein globales Einkaufsmanagement wesentlich genauer, analytischer und objektiver durchführen als das ein menschlicher Einkäufer je machen kann. Bzw. diese Software kann die dazu anfallende Routine-Tätigkeit abnehmen und dem Einkäufer Zeit und Ressourcen für den kreativen Part bei dieser Aufgabe freischaufeln. Hört sich gut an. Im Gespräch danach kam dann der Link für die Identifikation von internationalen Lieferketten. Das ist ein Thema für meinen IHK-Beritt mit deren Partnerorganisationen, den Auslandshandelskammern. Und mit denen ist er auch tatsächlich schon im Austausch bzw. zu einer Tagung im Dezember in München eingeladen. Sehr gut!

Dann kam eine sehr mutige Session: Unter dem Titel „Emotionale Intelligenz veredelt KI“ liest Dr. Cassandra Riedl einen lyrischen Text zu diesem Spannungsfeld. Inhaltlich war es die Darstellung eines „Betonarchitekten“. Was habe ich davon mitgenommen? Das weiß ich in diesem Moment noch nicht.

Als Absacker war ich noch im Workshop bei Julian Knorr, Onestoptransformation AG. Das war nochmal sehr hands-on digitale Transformation. Ein Aper­çu in dem Workshop fand ich dann bemerkenswert: Digitale Leidenschaft muss leiden können. Sehr treffend nach einem langen Festivaltag. Denn meine Komfortzone hatte ich zu dem Zeitpunkt längst verlassen. Die After-Show-Party fällt dem erreichten Energielevel zum Opfer und muss leider ohne meine Beteiligung vonstatten gehen.

Outro

Auch wenn es eine Wiederholung ist – chapeau an Class3! Das war ein wunderbarer Tag. Ihr habt damit zwar die Latte für das Festival meiner Class4 verdammt hoch gelegt, aber ich habe von dem Tag viel mitgenommen.

Links

https://www.wired.de/article/boston-dynamics-roboter-atlas-kann-jetzt-parkour

https://www.ihk-nuernberg.de/de/IHK-Magazin-WiM/WiM-Archiv/WIM-Daten/2019-03/Special/maschinen-lernen-nie-aus